Täter versuchten, in Synagoge einzudringen – dann schossen sie auf Passanten

In Halle (Saale) sind am Mittwoch zwei Menschen erschossen worden. Kurz nach Mittag warnte die Polizei die Anwohner. Es werde mit Hochdruck nach den Tätern gefahndet, twitterten die Beamten. Ein Tatverdächtiger wurde wenig später festgenommen. Die Tat ereignete sich im Paulus-Viertel der Stadt, in der Nähe einer Synagoge.

Nach der Tat überschlugen sich die Nachrichten und Spekulationen. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand warnte vor einer „Amoklage“. Noch ist vieles unklar, anderes aber auch schon gesichert. WELT fasst zusammen, was wir wissen – und was nicht.

Das wissen wir über die Lage in Halle an der Saale

Nach Informationen von WELT versuchten die Täter, in die Synagoge einzudringen. Dort hatten sich 80 bis 100 Gemeindemitglieder versammelt, um Jom Kippur zu feiern, den höchsten jüdischen Feiertag.

Aus Sicherheitskreisen erfuhr WELT folgenden Tathergang: Die Täter machten sich an der Tür zu schaffen, konnten aber nicht eindringen. Sie eröffneten dann das Feuer mit automatischen Waffen auf Tür und Fenster. Die Sicherheitsmaßnahmen der Synagoge hielten aber stand, sonst wäre es vermutlich zu einem Blutbad gekommen.

„Das ist eine krasse Gefahrenlage hier überall“

Die Lage in Halle bleibt angespannt. In Leipzig, 25 Kilometer vom Tatort entfernt entfernt, werden Zehntausende erwartet, um den Jahrestag der Montagsdemonstrationen zu feiern. „Eine Versammlungslage, die man nicht kontrollieren kann“, schätzt WELT-Reporter Lutz Stordel ein.

Quelle: WELT

Die Täter eröffneten dann auf der Straße das Feuer auf Passanten. Sie schossen auch auf einen Döner-Laden, der sich in der Nähe befindet. Anschließend stieg ein Täter in einen Kleinwagen und verschwand. Eine Person wurde inzwischen festgenommen, wie die Polizei am Nachmittag mitteilte.

Ein offenbar von einem Augenzeugen aufgenommenes Video zeigte einen mit einem Kampfanzug und Helm ausgestatteten Angreifer, der auf offener Straße mehrere Schüsse abgab.

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Quelle: Infografik WELT

Bei den Getöteten handelt es sich laut Polizei um einen Mann und eine Frau. Der Mann sei in dem Döner-Imbiss erschossen worden, die Frau in der Humboldtstraße in der Nähe eines Friedhofs.

Neben den beiden Todesopfern gibt es mindestens  zwei Schwerverletzte. Wie das Universitätsklinikum der Stadt auf Anfrage am Mittwoch mitteilte, wurden die beiden mit Schussverletzungen in die Klinik eingelieferten Opfer am Mittwochnachmittag operiert. Ob Lebensgefahr bestand, stand zunächst nicht fest.

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde befinden sich noch immer in der Synagoge und werden von Spezialkräften der Polizei geschützt.

Wie die Deutsche Bahn meldet, ist der Bahnhof Halle bis auf weiteres gesperrt. Um kurz nach 13 Uhr kam die Nachricht, dass es eine erste Festnahme gegeben hat. Auch im 15 Kilometer entfernten Landsberg (Saalekreis) fielen Schüsse. In beiden Orten wurden die Menschen aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben oder sichere Orte aufzusuchen.

Die Polizei sichert eine Fläche zwischen Wiedersdorf und Landsberg in der Nähe von Halle

Die Polizei sichert eine Fläche zwischen Wiedersdorf und Landsberg in der Nähe von Halle
Quelle: AFP/RONNY HARTMANN

Die Bundesanwaltschaft ermittelt nach den Schüssen wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Der Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte zur Übernahme der Ermittlungen durch die Karlsruher Behörde, es gehe hier um „die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“.

Halles Oberbürgermeister rief einen Stab für außergewöhnliche Ereignisse ein.

Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, teilte die Bundespolizei via Twitter mit. Sie unterstütze außerdem die Polizei in Halle/Saale.

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Polizisten sichern die Gegend um den Tatort in Halle
Quelle: REUTERS

Der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht (CDU), hat seinen Urlaub abgebrochen. Der Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hat eine Dienstreise in Brüssel unterbrochen und ist zur Stunde auf dem Weg zurück nach Sachsen-Anhalt.

Das ist noch unklar über die Tat in Halle an der Saale

Zum Motiv, ob es sich um einen möglichen rechtsextremistischen oder antisemitischen Hintergrund handelte, könne noch nichts gesagt werden, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

„Wir müssen von einem antisemitischen Anschlag anlässlich des höchsten jüdischen Feiertags, Jom Kippur, ausgehen!“ sagt Sebastian Striegel, der innenpolitische Sprecher der Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt.  Die Tat ereignete sich am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Ob definitiv ein Zusammenhang bestand, blieb aber zunächst unklar. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei ebenfalls noch unklar, sagte ein Sprecher der Stadt Halle.

In welche Richtung die mutmaßlichen Täter flüchteten, war noch unbekannt.

Details zur Identität des festgenommenen Tatverdächtigen sind ebenfalls noch unklar. Die Polizei forderte die Einwohner von Halle auf, wachsam zu bleiben.

Auch über die Identität der Toten wurde bis auf ihr Geschlecht zunächst nichts bekannt.

„Ein Opfer war Gast des Dönergeschäfts“

Mehrere Bereiche in der Stadt Halle sind nach Schüssen von den Einsatzkräften gesperrt. Der Sprecher der Polizei von Halle, Ralf Karlstedt, äußert sich zum aktuellen Ermittlungsstand.

Quelle: WELT

Zur Bewaffnung der Täter gab es zunächst keine gesicherten Informationen. Ein Zeuge berichtete im Fernsehsender n-tv, dass ein mit Sturmmaske und Helm bekleideter Mann mit einem Sturmgewehr in ein Dönerrestaurant geschossen habe. Zuvor habe der Angreifer eine Art Sprengsatz geworfen, der aber an der Fassade abgeprallt und explodiert sei.

Wie auf die Schüsse reagiert wird

Auch in anderen Bundesländern ist die Polizei alarmiert. Die Thüringer Polizei ist nach eigenen Angaben verstärkt im Einsatz, auch wenn dort nach bisherigen Kenntnissen keine konkrete Gefahr bestehe. Man unterstütze die Fahndung nach dem oder den Tätern. In München teilte die Polizei mit, die Streifen seien sensibilisiert und darauf hingewiesen worden, dass der Vorfall in Halle „in Zusammenhang mit einer jüdischen Einrichtung steht“. Niedersachsen schickte Polizisten und einen Polizeihubschrauber zur Unterstützung nach Sachsen-Anhalt.

In Hamburg verstärkte die Polizei den Schutz für die Synagoge, auch in Berlin wurden die Sicherheitsvorkehrungen aufgestockt. In Hamburg etwa war neben dem üblichen Wachhäuschen am Mittwochnachmittag im Stadtteil Eimsbüttel auch ein Streifenwagen vor dem jüdischen Gotteshaus positioniert. Ein Beamter bestätigte der Nachrichtenagentur dpa den verstärkten Schutz. Es seien zusätzliche Beamte im Umfeld der Synagoge verdeckt im Einsatz.

Polizei bewacht nach Schüssen in Halle Synagoge in Dresden

Erhöhte Alarmbereitschaft auch in Dresden: Beamte vor der dortigen Synagoge
Quelle: dpa/Robert Michael

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