Corona in Deutschland: Schutzausrüstung fehlt – vom Bund kommt bisher wenig bei den Ländern an

Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt. Trotzdem ist es in der Coronakrise in Teilen jetzt schon überfordert. Das Personal arbeitet an der Belastungsgrenze, es fehlt an Material. Inzwischen haben sich im Land etwa 36.500 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, die Epidemie steht laut Experten erst am Anfang.

Die Bundesregierung hat nach SPIEGEL-Informationen bereits vor Wochen versprochen, die Länder bei der Beschaffung von Schutzausrüstung zu unterstützen. Doch die Maßnahmen laufen nur langsam an – vor allem bei niedergelassenen Ärzten fehlt es an Ausrüstung.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin zum Beispiel hat sich in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) sowie an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gewandt.

Bis spätestens Ostern würde das Berliner Gesundheitssystem an seine Grenzen gelangen, heißt es in dem Brief: „Es gibt so gut wie keine sterilen und auch keine unsterilen Handschuhe, Gesichtsmasken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel.“ Gefordert wird ein umfangreiches Maßnahmenpaket: „Dies ist die einzige Möglichkeit, den Schaden noch zu begrenzen.“

So sieht die Versorgung der kassenärztlichen Vereinigungen derzeit aus

Zuständig für die Verteilung an die niedergelassenen Ärzte sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) der jeweiligen Länder. Die Krankenhäuser und Kliniken hingegen werden nicht durch sie versorgt. Auf SPIEGEL-Anfrage haben einige Kassenärztliche Vereinigungen mitgeteilt, wie viel Schutzausrüstung sie bisher von Spahns Ministerium vermittelt bekommen haben.

Das Ergebnis ist bislang ernüchternd:

  • Baden-Württemberg waren 50.000 FFP2-Masken angekündigt, gekommen sind aber nur OP-Mundschutz-Masken, und davon viel weniger als 50.000. Gebraucht werden aber vor allem die FFP2-Masken, mit entsprechendem Filter.

  • In Bayern sind 70.000 FFP2-Masken angekommen. Allerdings fehlte bei über 50.000 Masken eine entsprechende Zertifizierung. Deswegen konnten sie bislang nicht ausgeliefert werden. Das Bundesgesundheitsministerium sagte auf Anfrage, sie hätten keine Kenntnis von fehlenden Zertifizierungen.

  • Sachsen meldete einen Bedarf von über 36 Millionen FFP2-Masken, fünf Millionen OP-Masken, 1,5 Millionen Schutzanzügen, 1,9 Millionen Schutzbrillen sowie 260 Millionen Schutzhandschuhen. Angekommen sind bislang 22.000 FFP2-Masken, fast 44.000 OP-Masken, 482 Schutzanzüge, 640 Schutzbrillen und knapp 180.000 Handschuhe.  

  • In Thüringen kamen in den vergangenen Tagen unter anderem 550 Schutzanzüge an. Außerdem erhielt der Freistaat 20.000 FFP2-Masken.

  • In Hamburg kamen 16.000 FFP2-Masken an, zusätzlich 3000 Schutzhandschuhe und 3000 Schutzkittel.

  • In Niedersachsen kamen bislang 17.000 FFP2-Masken an, 38.000 OP-Masken, 1100 Schutzanzüge, 164.000 Handschuhe, 250 Schutzbrillen und 1000 Schutzkittel.

  • Berlin erhielt bislang 23.000 FFP2-Masken, angemeldet hatte die KV Berlin einen Bedarf von 1,5 Millionen FFP2-Masken.

Am Mittwoch erklärte das Bundesgesundheitsministerium, dass in den vergangenen zwei Tagen etwa eine Million FFP2-Masken ausgeliefert worden seien. Der Schlüssel zur Verteilung in den Ländern werde an der Bevölkerungszahl festgemacht.

Bislang sieht man davon noch nicht viel: Die KV Baden-Württemberg etwa hat bei einer Einwohnerzahl von rund elf Millionen Menschen noch keine FFP2-Masken aus Bundesbeständen erhalten, in Hamburg kamen bei einer Gesamtbevölkerung von circa 1,8 Millionen Menschen immerhin bereits 16.000 FFP2-Masken an.

Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sagt: Die Schutzausrüstung sei weltweit maximal nachgefragt. „Die Vorräte, die die Vertragsärzte routinemäßig auch für Influenza-Fälle angeschafft haben, sind natürlich von der anbrandenden Zahl der Verdachtsfälle aufgebraucht worden.“ Es sei gut und richtig, dass das Bundesgesundheitsministerium in die Beschaffung eingestiegen sei.

Nicht nur bei den niedergelassenen Ärzten, auch bei den Kliniken und Krankenhäusern ist das Material knapp. Das Landesgesundheitsministerium in Bremen erklärte, sie hätten Bedarfe für Schutzmasken, Schutzkittel, Hauben und Brillen in Höhe von mehreren Hunderttausend Stück gemeldet.

„Erreicht haben uns bislang leider nur mehrere Hundert Stück“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Die nächste Lieferung werde demnächst erwartet. Zusätzlich kamen in Bremen laut Informationen des SPIEGEL 10.500 Schutzmasken bei der Kassenärztlichen Vereinigung an.

Die Gesundheitsministerin von Rheinland-Pfalz, Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), erklärte, ihr Land arbeite mit Hochdruck daran, die benötigte Ausrüstung zu beschaffen. „Unabhängig davon erwarte ich aber auch vom Bund, dass er seine Zusagen hinsichtlich der zentralen Beschaffung für die Länder einhält“, sagte sie.

Tatsächlich organisieren sich viele Länder eigenständig Schutzausrüstung. So hat etwa die bayerische Staatsregierung zu Wochenbeginn 800.000 Schutzmasken im Land ausgeliefert, darunter 100.000 Masken aus Beständen von BMW.

Spahn will künftig mehr Masken und Schutzkleidung bevorraten

Die Professorin Susanne Herold, Leiterin der Abteilung Infektiologie am Universitätsklinikum Gießen, sagte, die Vorräte der Uniklinik reichten beim derzeitigen Patientenaufkommen für zwei Wochen. Es hätte aber Lieferungen nach Hessen gegeben, und es werde mit weiteren gerechnet. Sie fand auch beruhigende Worte: „Ich glaube, wir sind gut aufgestellt. Wir hatten das Glück, dass wir eine sehr lange Vorbereitungsperiode hatten, wo wir wirklich alle Hebel in Bewegung setzen konnten.“

Das Problem der fehlenden Schutzausrüstung ist auch Spahn bewusst. Erst vor wenigen Tagen verschwand eine Lieferung mit sechs Millionen Schutzmasken, die für Deutschland bestimmt war, von einem Flughafen in Kenia.

Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, an der auch Gassen und Herold teilnahmen, sagte Spahn, er habe eins gelernt in den letzten Tagen: „Über Zahlen erst reden, wenn sie gelandet sind.“

Die Masken hätten früher etwa sechs bis 17 Cent gekostet – nun seien es drei bis sechs Euro für eine FFP2-Maske. (Lesen Sie hier ein Interview mit einer Unternehmerin, die neuerdings mit Atemmasken handelt).

In einem Interview mit der „Zeit“ erklärte Spahn, die Beschaffung von Schutzmasken stehe ganz oben auf der Agenda. Auf die Frage, ob er sich persönlich um den Maskenkauf kümmere, sagte er: „Ja. Weil ich weiß, wie wichtig das für unser medizinisches Personal ist.“

Icon: Der Spiegel

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