„Kommt nicht auf die Insel“ – Norderney in der Touristen-Falle

Sonne, Meer und kühles Bier. Endlich! Weltzufriedenheit und ein leichter Nachmittagsglimmer sprechen aus den Gesichtern der Menschen, die an der „Weststrand-Bar“ auf Norderney dem Sonnenuntergang zuprosten. Nur einer ist nicht in Feierlaune: der Wirt. Zu viel Gedränge, zu wenig Abstand, und mit jeder Fähre kommt ein neuer Schwung partyhungriger Touristen.

Irgendwann wird es Tobias Pape zu bunt, und er greift zum Handy. „Liebe Norderney-Corona-Gäste“, tippt er auf Facebook, „wie ihr sicher selber merkt, sind viel zu viele Menschen auf der Insel … Ich muss Euch fast bitten, nicht zur ‚Weststrand-Bar‘ zu kommen. Es ist einfach zu voll da. Kommt möglichst noch gar nicht auf die Insel. Zu Hause ist‘s am sichersten für alle!“

Ein Barbesitzer fleht seine Kunden an, seinem Laden bloß fernzubleiben. Das sagt viel über die aktuelle Lage an der Küste. Seit wenigen Tagen ist es den Deutschen wieder gestattet, ihre Strände zu betreten. Seither gibt es kein Halten mehr. Ganz Deutschland, so scheint es, strömt ans Meer. Vor dem Autoreisezug nach Sylt bildeten sich in dieser Woche selbst an Werktagen kilometerlange Rückstaus.

Die Fähren auf die Nordseeinseln sind mit Menschentrauben gespickt wie die Partyigel. Die Menschen sehnen sich nach ein paar sorgenfreien Tagen am Meer. Und fallen in Massen in Urlaubsorte ein, die von dem plötzlichen Ansturm überfordert wirken. Der von allen so sehr herbeigesehnte Neustart des Fremdenverkehrs droht zum Fremdelverkehr zu geraten.

Nur wer mindestens eine Woche bleibt, darf auf die Insel

Essen, Bochum, Kleve. Den Autokennzeichen zufolge wartet am Anleger in Norddeich-Mole der ganze Pott auf die Fähre. Norderney ist für die Menschen von Rhein und Ruhr dasselbe wie Sylt für Hamburg: eine Art Hausstrand. Doch diesmal ist vieles anders. Schon vor der Überfahrt werden die Besucher per Videoleinwand mehrsprachig über Hygienevorschriften belehrt. Einige Vatertagstouristen, die sich ohne Übernachtungsnachweis an Bord gestohlen haben, werden postwendend aufs Festland retourniert: Tagesbesucher unerwünscht.

Nur wer mindestens eine Woche bleibt, darf auf die Insel. Und stellt dort bald fest, dass der Trip ans Meer keinesfalls auch einen Urlaub von der Corona-Tristesse bedeuten wird. Abstandsschilder, Maskenpflicht und Personalienerfassung allerorten. Toilettenhäuschen sind mit Brettern verbarrikadiert, Polizisten auf Corona-Patrouille. Die meisten touristischen Attraktionen wie Erlebnisbad, Spielpark oder Thalasso sind geschlossen. Nicht mal den traditionellen Sundowner an der „Milchbar“ gibt es. Der Besitzer der Strandbar, an der sonst vierstellige Gästezahlen am Tag erreicht werden, hat noch nicht wieder aufgemacht – freiwillig.

„Wir nehmen die Situation ernst und sind bereit, wirtschaftliche Abstriche zu machen, um dem Sicherheitsbedürfnis unserer Mitarbeiter und Gäste gerecht zu werden“, sagt Jens Brune, der mit seinem Bruder in dritter Generation ein Unternehmen mit drei Hotels und zwei gastronomischen Betrieben auf Norderney führt. Obwohl er in den letzten Wochen viel Geld verloren hat, reißt der Gastronom jetzt, wo er es wieder dürfte, nicht gleich alle Türen auf. Sondern tritt im Gegenteil auf die Bremse.

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Corona und Tourismus

Um die „Milchbar“ hat er einen Holzzaun bauen lassen, damit die Leute nicht mehr von allen Seiten in das Lokal strömen können. Er verzichtet zudem auf einen Außenausschank, „um den Umsatz zu drosseln“. Das beliebte „Seesteg“-Restaurant wird zunächst nur für Hotelgäste geöffnet sein. Außerdem hat Brune entschieden, in seinen gastronomischen Betrieben zunächst auf abbaubarem Einweggeschirr zu servieren, obwohl er weiß, dass das nicht bei jedem Gast gut ankommen dürfte.

„Anders ließ sich ein sicherer Rücklauf des benutzten Geschirrs in meinen Augen nicht sicherstellen“, sagt Brune, der hofft, in den kommenden Wochen eine Balance zu finden zwischen Sicherheit, wirtschaftlichen Notwendigkeiten und den Wünschen seiner Kunden. „Es ist letztlich auch im Interesse der Gäste, wenn wir auch mal Nein sagen. Das Schlimmste, was uns allen passieren kann, wäre eine zweite Welle.“

Weil viele Bars und andere Angebote noch geschlossen sind, herrscht an den wenigen Anlaufpunkten umso größerer Andrang. Wie an der „Weststrand“-Bar. „Dass es so schnell wieder losgeht, hat uns alle ein bisschen überrumpelt“, sagt Tobi Pape, der noch zwei weitere Lokale und eine angeschlossene kleine Brauerei auf der Insel betreibt. Jetzt sind die Kessel kalt, und seinen Tesla hat der 49-Jährige abgemeldet, um die Versicherung zu sparen.

Trotzdem will er den Neustart nicht um jeden Preis. Kein Kunde ohne Maske werde bedient, habe er seinen Mitarbeitern eingeschärft, und zur Not verprellt er eben auch Gäste via Facebook. „Es ist für uns eh ein verlustreiches Jahr, da kommt es auf den letzten Cent auch nicht mehr an“, sagt er. „Hier wohnen 6000 Einwohner. Eine Handvoll Neuinfektionen reicht, und die Insel wird wieder dichtgemacht.“

So läuft Hotel-Urlaub in Zeiten von Corona ab

Bis Ende Mai dürfen in allen Bundesländern die Hotels wieder öffnen. Allerdings gelten dabei strikte Hygiene-Regeln. Frühstücksbuffet und Wellness-Bereiche bleiben geschlossen. Stattdessen gilt Maskenpflicht.

Quelle: WELT/ Alina Quast

Die Angst der Insulaner vor dem Virus kommt nicht von ungefähr. Im März starb ein 74-jähriger Norderneyer an Covid-19, es war der erste Corona-Tote Ostfrieslands. Gemessen an der geringen Einwohnerzahl, herrschten auf Norderney beinahe italienische Verhältnisse. Und es gibt auf der Insel nur ein Beatmungsbett. Deshalb wurde Norderney wie alle Inseln streng abgeriegelt. Niemand kam drauf, auch nicht die Ferienhausbesitzer.

So wurden die Inseln in Nord- und Ostsee in den vergangenen Wochen die sichersten Orte Deutschlands. Statt Touristen zu umsorgen, spazierten Insulaner unter sich über ihre Strände. Viele haben jetzt eine schöne Sonnenbräune und leere Konten. Doch nun stehen die Zeichen plötzlich wieder auf Sturm. Die ohnehin als „Nordrhein-Vandalen“ verschrienen Inselliebhaber strömen herbei, und die Insulaner fühlen sich überrollt. Der Bürgermeister der Insel Pellworm erklärte gar seinen Rücktritt mit der Begründung, er könne die „überstürzte Corona-Öffnungspolitik“ nicht mittragen.

„Die Seelenlage ist ambivalent“, sagt Markus Fuhrmann, Pfarrbeauftragter der katholischen Gemeinde auf Norderney. Er hat gerade vor 90 Menschen auf einer Wiese den Christi-Himmelfahrts-Gottesdienst abgehalten, derzeit das einzige kulturelle Event auf der Insel. Ohne Touristen sei die Insel tot, sagt der Geistliche, während er seine Robe ablegt. „Jeder hier lebt letztlich vom Tourismus. Und viele plagt die Sorge, ob bei den strengen Auflagen genug Geld reinkommt, um die Mitarbeiter zu bezahlen. Zugleich ist da die Sorge, dass mit den 50.000 Touristen, die hier im Sommer auf der Insel sind, auch das Virus zurückkommt.“

Denn Urlauber lassen in der schönsten Zeit des Jahres gerne mal Fünfe gerade sein. In einer Pandemie kann der Dienst am Gast so schnell zur Belastung werden. „Die Mitarbeiter in den gastronomischen Betrieben sind froh, aus der Kurzarbeit herauszukommen. Viele brauchen dringend das Geld“, sagt Matthias Brümmer vom Landesbezirk Nord der Gewerkschaft NGG.

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Urlaub in der Corona-Krise

Zugleich müssten sie sich nun der Gefahr aussetzen, mit Gästen zu tun zu haben, die Hygienevorschriften nur widerwillig oder gar nicht beachteten. „Wir können nur an Arbeitgeber und Kunden appellieren, die Gesundheit der Mitarbeiter nicht zu gefährden.“

Auf Norderney ist man bemüht, den Kulturschock nach der Corona-Pause abzumildern, indem zunächst nur begrenzt viele Menschen auf die Inseln gelassen werden. Ein „Soft Opening“ nennt das Wolfgang Lübben, Marketingverantwortlicher beim Staatsbad.

In ökonomischer Hinsicht bringt das die Gewerbetreibenden allerdings in eine schwierige Situation. „Was ich im gesamten Mai bislang umgesetzt habe, mache ich sonst in drei Tagen“, sagt Gilla Hass, Geschäftsführerin der Norderneyer Buchhandlung. Abzüglich Pacht und weiterer Kosten zahle sie derzeit drauf, um weiter für ihre Kunden da zu sein.

Und einige danken es mit Unverständnis etwa darüber, dass die Kundenzahl im Geschäft per Einkaufskorbpflicht limitiert wird. „Ein Kunde schrie, er brauche keinen Korb, und ist wutentbrannt rausgerannt“, sagt die Buchhändlerin, und ihr Lächeln gerät etwas hilflos. Auch beim Fleischer oder im Café werden die Urlauber bockig, weigern sich, Masken zu tragen. „Norderney ist doch Corona-frei“, wird immer wieder als Argument vorgebracht, offenbar in der Annahme, dass sie diejenigen seien, die hier geschützt werden müssten.

Früher ausgelassen, heute distanziert

Zu später Stunde liegen sich im Norderneyer „Bermuda-Dreieck“ wie zu schönsten Corona-Zeiten angeheiterte Touristen in den Armen, es wird gesungen und gebaggert. Nur schade, dass die traditionelle Schnapsrunde in der „Großen Freiheit Norderney“ ausfallen muss. Das Party-Lokal wurde auf Anweisung der Ordnungsbehörde geschlossen.

Dabei war Besitzer Dirk Overlöper der Erste auf der Insel, der nach dem Lockdown wieder geöffnet hatte. Um 0.01 Uhr sperrte er seine Kneipe auf. Um den Auflagen zu entsprechen, nannte er seinen Partyschuppen nun ironisch „Café“ und bot eine „Brotzeit“ an, ein trockenes Brötchen mit abgepacktem Käse. „Absolut Corona-sicher“, scherzt Overlöper, doch über seinen Humor können auf der Insel derzeit nicht viele lachen. Noch am selben Tag stand der Ordnungsamtsleiter persönlich auf der Matte und forderte Overlöper auf, das unsittliche Treiben zu beenden.

Während die „Große Freiheit Norderney“ nun das Verwaltungsgericht beschäftigt, beklagt der Wirt nicht nur dramatische finanzielle Ausfälle, sondern auch eine in menschlicher Sicht veränderte Atmosphäre auf der Insel. „Wo man sich früher in den Armen lag, ist die Grundstimmung heute sehr distanziert“, sagt der gebürtige Duisburger. Fremde würden teilweise regelrecht angefeindet, die Touristen seien eingeschüchtert und benähmen sich ungewöhnlich verhalten. „Um bloß nicht anzuecken.“

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