Martin Kusej übernimmt ab 2019 die Burgtheater-Spitze

Der 56-Jährige ist Intendant des Münchner Residenztheaters und galt bereits vor zehn Jahren als Topkandidat auf die Burg-Direktion, zog jedoch gegen Matthias Hartmann den Kürzeren.

„Ich freue mich, dass der wichtigste Regisseur des Landes endlich die bedeutendste Bühne der Republik führen wird und sich seiner Lebensliebe – dem Burgtheater – widmen kann“, begründete Drozda seine Entscheidung für den gebürtigen Kärntner. Zugleich wurde der Vertrag von Thomas Königstorfer als kaufmännischer Geschäftsführer der größten deutschsprachigen Sprechbühne ab 2018 verlängert.

Am Ziel angelangt

Als Kusej das Nachsehen gegenüber Hartmann hatte, bezeichnete er die Vorgehensweise des damaligen Kunststaatssekretärs Franz Morak (ÖVP) als „kulturpolitischen Eklat“. Zehn Jahre später hat er es geschafft: 2019 tritt er die Nachfolge von Karin Bergmann an.

Damals hatte Kusej angekündigt, das Haus nach der Ära Bachler nicht mehr betreten und als Regisseur mittel- und langfristig seine Zelte in Österreich abbrechen zu wollen. Als letzte große Inszenierung zeigte er 2008 Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek, mit dem er einen „Nestroy“ für die beste Regie einheimste. In Folge ging der ehemalige Schauspielchef der Salzburger Festspiele nach München: 2011 wurde er Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel, wo er seither mit zahlreichen Erfolgen punkten konnte. Erst Karin Bergmann konnte den gebürtigen Kärntner wieder an die Burg zurückholen, und so inszenierte er im Herbst 2016 Arthur Millers „Hexenjagd“. Rückblickend eine vorsichtige Heimkehr, die nun besiegelt wurde.

Mitte der 1980er-Jahre schloss der am 14. Mai 1961 geborene Kusej sein Studium an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst mit einer Diplomarbeit über Robert Wilson und eine Inszenierung namens „Ultramarin“ ab. Die weiten Bühnenräume des texanischen Individualisten hatten es dem jungen Kärntner Talent besonders angetan. Bis heute entwickelt er seine Inszenierungen auf der Basis eines Raumbildes, das immer von seinem Freund und Bühnenbildner Martin Zehetgruber stammt.

Mit diesem hat er auch seine Lehrjahre in der Off-Szene absolviert. „My friend Martin“ nannte sich das kongeniale Doppel. „Kusej und Zehetgruber funktionieren wie ein Räderwerk, bei dem ein Zacken in den anderen greift“, schreibt Georg Diez im Buch „Gegenheimat“ aus der „edition burgtheater“ über die beiden. Schon bald hatte das institutionalisierte Theater ein Auge auf Kusej geworfen, der mit seinen gewichtigen Raumkathedralen einen möglichst reichhaltig ausgestatteten und perfekt funktionierenden Theaterapparat auch gut brauchen konnte.

Zu seinen frühen Inszenierungen zählen etwa Heiner Müllers „Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten“ am Experimentellen Theater EG Glej Ljubljana (1987), Horvaths „Glaube Liebe Hoffnung“ am Slowenischen Nationaltheater (1990), Grillparzers „Der Traum ein Leben“ am Schauspielhaus Graz (1992) oder Schillers „Kabale und Liebe“ am Stadttheater Klagenfurt (1993). In der Folge wurde Stuttgart zu einem schicksalhaften Ort für Kusej: Friedrich Schirmer, damals designierter Intendant des Staatstheaters Stuttgart, vertraute ihm 1993 mit Grabbes „Herzog Theodor von Gotland“ die Eröffnungspremiere an. Die Inszenierung stieß zwar beim Stuttgarter Publikum auf wenig Gegenliebe, doch Schirmer hielt an seiner Entdeckung fest und ermöglichte Kusej eine kontinuierliche Arbeit.

Auch Kusejs Karriere als Opernregisseur begann in Stuttgart. Damals lud ihn Klaus Zehetlein ein, Purcells „King Arthur“ (1996) zu inszenieren. Seither war das Doppel Kusej/Zehetgruber an mehreren deutschen Häusern zu Gast. Einen ihrer größten Erfolge landeten die beiden mit Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald“ 1998 im Hamburger Thalia Theater, die 2000 auch zu den Wiener Festwochen eingeladen waren. Am Burgtheater inszenierte Kusej viel beachtet Grillparzers „Weh dem, der lügt!“ (1999), Schönherrs „Glaube und Heimat“ (2001) und Horvaths „Glaube Liebe Hoffnung“ (2002). Ein 2004 in Bayreuth geplanter „Parsifal“ platzte jedoch.

Mit Nikolaus Harnoncourt verzeichnete er große Erfolge mit den gemeinsamen Salzburger-Festspiel-Produktionen des „Don Giovanni“ und des „Titus“, die Zürcher „Zauberflöte“ jedoch wurde mit Buhrufen vom Publikum bedacht. Für „Höllenangst“ von Johann Nestroy erhielt er 2006 den „Nestroy“. Ab 2007 begann dann die Hinwendung nach München: Seine Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ am Residenztheater wurde zu einem vollen Erfolg.

Ganz aus Wien wegzudenken war Kusej in den vergangenen Jahren dennoch nicht: Gemeinsam mit Harnoncourt brachte er 2008 etwa Igor Strawinskis „The Rake’s Progress“ im Theater an der Wien zur Aufführung. Seine Intendanz in München eröffnete Kusej mit kräftiger heimischer Unterstützung: Unter den mehr als 50 Ensemblemitgliedern befanden sich mit Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Markus Hering, Andrea Wenzl, Tobias Moretti, Norman Hacker, Werner Wölbern, Paul Wolff-Plottegg oder August Zirner auch zahlreiche Österreicher bzw. aus österreichischen Theatern bekannte Darsteller. Eröffnet wurde die erste Spielzeit mit Schnitzlers „Das weite Land“. Zu den Höhepunkten gehörte unter anderem seine „Faust“-Deutung im Jahr 2014.

Als Matthias Hartmann schließlich 2014 aus dem Burgtheater entlassen wurde, kursierte sogleich Kusejs Name in den Feuilletons. Der winkte jedoch ab: „Mein Vertrag hier geht bis zum 31. August 2016 und ich sehe keinen Grund, diese erfolgreiche und aufregende Arbeit vorzeitig zu beenden“, sagte er damals zur APA. „Ich kenne das Burgtheater enorm gut und wünsche ihm, dass es sich in Ruhe und Frieden und kreativ wiederfinden und den gigantischen Schuldenberg abbauen kann“, so Kusej damals gegenüber Medien: „Wenn der abgebaut ist, dann höre ich auch wieder hin, wenn jemand ruft.“

Nun hörte Kusej offensichtlich auf die Rufe. Er hatte 2015 zwar seinen Vertrag am Residenztheater bis 2021 verlängerte. „Ich bin hier auf keinen Fall fertig“, wurde der Intendant zitiert. Nun wird es doch ein vorzeitiger Abgang: Sein Vertrag am Burgtheater läuft ab Herbst 2019.

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