Ukraine-Liveblog: ++ Selenskyj: Ukrainer stellen sich erneut gegen das Böse ++

liveblog

Stand: 08.05.2024 14:06 Uhr

Präsident Selenskyj sieht im Abwehrkampf seines Landes gegen Russland Parallelen zum Sieg über das Deutsche Reich. Bundesverteidigungsminister Pistorius kündigt an, den deutschen Verteidigungsetat aufstocken zu wollen. Alle Entwicklungen im Liveblog.

Zum Jahrestag des Weltkriegsendes 1945 hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den aktuellen Abwehrkampf gegen Russland in die Tradition des Sieges über Hitler-Deutschland gestellt.

„Vor 80 Jahren kämpften Millionen von Ukrainern, um den Nazismus für immer zu besiegen“, sagte er in einer Videobotschaft, die dort aufgezeichnet wurde. „Doch heute stellen sich die Ukrainer erneut gegen das Böse, das wiedergeboren wurde, wiedergekommen ist und uns erneut vernichten will.“

Der Staatschef besuchte den Ort Jahidne im nordukrainischen Gebiet Tschernihiw, den Schauplatz eines mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechens 2022. Laut Selenskyj zeige das Geschehen, wie Russland unter Wladimir Putin sei. „Wenn das nicht Nazismus ist, was ist es dann?“, fragte Selenskyj in dem sehr emotionalen Video.

Die ukrainische Armee habe Jahidne Ende März 2022 befreit, sagte Selenskyj. Er sieht darin ein Symbol, dass sich Geschichte wie beim Sieg über die Nazis wiederholen könne: „Jeder, der gekommen ist, um uns zu zerstören, wird schließlich aus dem ukrainischen Land fliehen.“

Tschechiens Präsident Pavel überraschte mit seiner Munitionsinitiative die Unterstützer der Ukraine. Im ARD-Interview erklärt er, wann welche auf dem Weltmarkt beschaffte Munition eintreffen soll – und zieht Parallelen zum Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Russland macht die Militärhilfe des Westens für die anhaltenden Kämpfe in der Ukraine verantwortlich. Wenn der Westen die Militärlieferungen an die Ukraine einstellen würde, wäre der Krieg in nur zwei Wochen beendet, sagt die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.

Sie griff damit Äußerungen des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell auf. Dieser hatte Anfang des Monats gesagt, dass die Existenz der Ukraine vom Westen abhänge und der Krieg in ein paar Wochen beendet wäre, wenn der Westen seine Waffenlieferungen einstellen würde. Er wolle aber nicht, dass der Krieg auf diese Weise ende.

Auf die Frage, wie die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen deeskaliert werden könne, sagt Sacharowa, dass der Westen die Rhetorik gegenüber Russland erhöht habe. „Und was für eine Deeskalation nötig ist, hat Borrell gesagt: Wenn ihr aufhört, Kiew mit Waffen zu beliefern, wird alles in zwei Wochen vorbei sein. Und hier ist die Deeskalationsformel“, sagt sie.

Russland hat seine luftgestützten Marschflugkörper im Einsatz gegen die Ukraine nach britischer Einschätzung verbessert. Die Durchschlagskraft sei erhöht worden, indem die Ch-101 (NATO-Code AS-23 Kodiak) auch mit einem zweiten Sprengkopf ausgestattet werde, teilte das britische Verteidigungsministerium mit.

Zwar habe diese Modifikation die Reichweite wahrscheinlich um die Hälfte reduziert. Allerdings sei nicht die volle Reichweite nötig, um Ziele in der gesamten Ukraine zu treffen. „Der zweite Sprengkopf ist für eine erhöhte Splitterwirkung am Ziel ausgelegt“, hieß es in London. Dies mache das System wahrscheinlich effektiver.

Russland versuche seit Kriegsbeginn, seine Systeme und Taktiken zu modifizieren. Ziele seien, die Überlebenschancen der Marschflugkörper zu erhöhen, da viele Raketen von ukrainischen Flugabwehrsystemen abgefangen worden seien, sowie eine größere Wirkung zu erzielen. Zudem würden ältere Raketen eingesetzt, da modernere System erschöpft seien

Litauen steht einem Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine im Rahmen von Ausbildungseinsätzen für ukrainische Soldaten weiterhin offen gegenüber. Ministerpräsidentin Ingrida Simonyte bekräftigte, dass die Regierung des baltischen EU- und NATO-Landes bereit sei, Soldaten zu Trainingsmissionen in das von Russland angegriffene Land zu entsenden. 

Sie habe dazu eine parlamentarische Erlaubnis, Kiew habe danach jedoch noch nicht gefragt, sagte Simonyte der „Financial Times“.  Litauen gehört zu den entschlossensten Unterstützern der Ukraine, die sich seit mehr als zwei Jahren gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigt.

Der Baltenstaat hatte sich zuvor bereits aufgeschlossen zu den Gedankenspielen von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron über den Einsatz von westlichen Bodentruppen in der Ukraine geäußert. Andere westliche Staaten – darunter Deutschland – weisen den Vorstoß dagegen zurück.

Die polnische Grenzpolizei hat nach eigenen Angaben einen russischen Deserteur festgenommen. Der 41-Jährige habe die Grenze zu Belarus in Nordostpolen überquert, sagte eine Sprecherin des Grenzschutzes. „Er führte seine Militärpapiere mit sich“, fügte sie hinzu. Der Mann habe in der Ukraine gekämpft, sagte sie dem polnischen Sender TVN24. Er war demnach in Zivil gekleidet und trug keine Waffe bei sich.

Die russische Botschaft in Warschau erklärte laut Berichten der russischen Nachrichtenagentur Tass, sie habe von den polnischen Behörden „keinerlei Informationen“ über die Festnahme eines Militärangehörigen erhalten. Die polnische Seite sei aber dazu verpflichtet, die Botschaft zu informieren.

Das russische Außenministerium hat sich empört über die Rückrufung des deutschen Botschafters aus Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, geäußert. Dies sei ein „unfreundlicher Akt“, mit dem sich die bilateralen Beziehungen weiter verschlechterten.

Das Auswärtige Amt hatte Graf Lambsdorff nach Berlin beordert, offiziell wegen der Aufklärung mutmaßlicher russischer Hacker-Angriffe auf Ziele in Deutschland. Das Moskauer Außenministerium erklärte, dies sei lediglich ein Vorwand. Mit diesem „Mythos“ wolle die Bundesregierung darauf hinwirken, die Spannungen zwischen beiden Ländern weiter zu eskalieren.

Das russische Außenministerium hat betont, Moskau werde seine Bemühungen fortsetzen, um eine „faire und ordnungsgemäße Untersuchung“ der Explosionen in der Nord Stream-Gaspipeline im September 2022 sicherzustellen. Das Ministerium kritisierte, dass sowohl Schweden als auch Dänemark, die ihre Ermittlungen zu den Explosionen Anfang des Jahres beendet haben, es abgelehnt hätten, mit Russland zusammenzuarbeiten. „Wir hoffen, dass die betroffenen Parteien ihre Position überdenken, die Politisierung aufgeben und kooperieren werden“, sagte die Sprecherin des Außenministeriums Maria Zakharova.

Die CDU hat bei ihrem Bundesparteitag ein Bekenntnis für eine massive Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland abgegeben. Deutschland müsse die Ukrainerinnen und Ukrainer mit allen Mitteln „unterhalb der Schwelle eines eigenen Kriegseintritts“ unterstützen, „damit sie den Krieg gegen Russland gewinnen“, heißt es in einem Beschluss zur Europapolitik, den die Delegierten einstimmig verabschiedeten.

Die Ukraine verteidige „auch unsere Freiheit und unsere europäischen Werte“, heißt es in dem Beschluss weiter. Bis zur Erreichung dieses Ziels müsse Deutschlands Unterstützung „zweifelsfrei, zuverlässig und anhaltend sein“. Denn klar sei: „Wenn die Ukraine verliert, verliert ganz Europa.“ Der Bundesregierung wirft die CDU im Hinblick auf Waffenlieferungen an die Ukraine ein zu zögerliches Verhalten vor.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Zakharova, hat Frankreich davor gewarnt, Bodentruppen in die Ukraine zu schicken. Diese Truppen würden für das russische Militär ein legitimes Ziel darstellen. Gleichzeitig behauptete Zakharova, dass zu den Gefallenen in der Ukraine auch eine wachsende Zahl französischer Staatsangehöriger zählen würde. Belegen konnte sie diese Aussage nicht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, dass durch den Beschuss nicht nur Anlagen zur Energieversorgung, sondern auch ein Bahnhof und Gleise in der Stadt Cherson beschädigt worden sein sollen.

In der ukrainischen Stadt Browary nahe der Hauptstadt Kiew sind Angaben lokaler Behörden zufolge durch die russischen Angriffe mindestens zwei Menschen verletzt worden. Weitere Berichte über mögliche Opfer in anderen Regionen liegen bisher nicht vor.

Polnische Grenzschützer haben im Grenzgebiet zu Belarus einen desertierten russischen Soldaten festgenommen. Der 41-Jährige habe gemeinsam mit einer Gruppe von Migranten die belarussisch-polnische Grenze unerlaubt überquert und sei auf polnischem Gebiet gefasst worden, teilte eine Sprecherin der Behörde mit. Die Grenzer fanden bei ihm Papiere der russischen Armee, aus denen hervorgeht, dass er zuletzt in der Ukraine im Einsatz war. Wie der Radiosender Rmf.fm berichtete, soll der Soldat unbewaffnet gewesen sein und sich in Zivilkleidung unter die Migranten gemischt haben.  Er blieb zunächst im Gewahrsam des Grenzschutzes und wurde verhört.

Infolge der Schäden durch die erneuten russischen Angriffe warnt der ukrainische Stromnetzbetreiber Ukrenergo vor möglichen landesweiten Stromausfällen am Abend. Wasser- und Wäremkraftwerke seien durch den Beschuss beschädigt worden. Bereits am Morgen sei in neun Regionen in der Ukraine teils der Strom ausgefallen.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat während seines USA-Besuchs das Ziel bekräftigt, die deutsche Verteidigungsfähigkeit deutlich zu stärken. Die Bundesrepublik werde in diesem Jahr mehr als je zuvor in der Geschichte der Bundeswehr für Verteidigung ausgeben, betonte der SPD-Politiker. Das Erreichen des Ziels, mindestens zwei Prozent des Bundesetats für die Verteidigung auszugeben, welches sich die NATO-Staaten gesetzt haben, müsse aber nur der Anfang sein. „Der Krieg ist zurück in Europa. Deswegen übernehmen wir unseren Anteil“, betonte Pistorius mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Ziel der russischen Angriffe in der Nacht war auch ein Gasspeicher in der westukrainischen Region Lwiw, wie der Gouverneur der Region, Maksym Kozytskyi, erklärte. Der Gasspeicher wurde bereits wiederholt angegriffen, da Russland seine Angriffe zunehmend auf Ziele der kritischen Infrastruktur in der Ukraine konzentriert.

Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge soll Russland ukrainisches Gebiet in der Nacht mit mindestens 50 Geschossen und mehr als 20 Drohnen angegriffen haben. Laut der ukrainischen Luftwaffe wurden 39 der Geschosse und 20 von 21 Drohnen abgewehrt werden.

Der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko meldete beim Kurznachrichtendienst Telegram einen „weiteren massiven Angriff“ Russlands auf die ukrainische Energieindustrie. Betroffen seien die Regionen Poltawa, Kirowohrad, Saporischschja, Lwiw, Iwano-Frankiwsk und Winnyzja. Mehrere Anlagen seien beschädigt worden.

Haluschtechenko rief die Bevölkerung zum Stromsparen auf. So könne sie „einen Beitrag zum Sieg“ leisten.

Der größte private Stromversorger der Ukraine, DTEK, teilte auf Telegram mit, dass durch die russischen Angriffe auch drei Wärmekraftwerke „ernsthaft beschädigt“ worden sein sollen.

Zum Auftakt seiner Reise in die USA hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius zu weiterer gemeinsamer Unterstützung der Ukraine aufgerufen. Russlands Präsident Wladimir Putin dürfe mit seinem brutalen Angriffskrieg nicht durchkommen. „Es geht um die Frage, ob und wie Demokratien sich verteidigen“, sagte Pistorius. Dies sei Europas wichtigste strategische Frage und der Angriff darüber hinaus die größte Bedrohung für die internationale Ordnung.

Gut einen Monat vor dem geplanten Friedensgipfel in der Schweiz hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einmal mehr für die Teilnahme an dem Format geworben. Der Gipfel, der für den 15. und 16. Juni in der Nähe von Luzern geplant ist, „kann und soll den Wert internationaler Zusammenarbeit demonstrieren“, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache.

Bei der Konferenz sollen früheren Angaben zufolge bis zu 80 Staaten vertreten sein und Friedensperspektiven für die Ukraine diskutieren.

Russland hat nach ukrainischen Angaben die Hauptstadt Kiew und die westukrainische Stadt Lwiw aus der Luft angegriffen. Die Luftabwehrsysteme seien mit der Abwehr des Angriffs beschäftigt, teilte das ukrainische Militär mit. Über Schäden und Opfer gibt es zunächst keine Angaben. Augenzeugen in Moskau berichten der Nachrichtenagentur Reuters, sie hätten Explosionen gehört, als hätten Luftabwehrsysteme Objekte in der Luft getroffen.

Die Chemiewaffen-Kontrollbehörde OPCW sieht keine ausreichenden Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen in der Ukraine. Die EU plant offenbar, Russlands Geschäft mit Flüssiggas durch Sanktionen einzuschränken. Alle Entwicklungen im Liveblog zum Nachlesen.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*